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Großvaters Geschenk seiner selbst

5. Dezember 2012 , Geschrieben von Visionär

Großvaters Geschenk seiner selbst

BRUCE‭ ‬ LYMAN‭ ‬ BlSHOP

Albert Lyman und sein Vater wachten auf und stellten fest,‭ ‬daß ihre Pferde in der Nacht weggelaufen waren.‭ ‬Sie ließen gerade ihr Vieh in einem abgelegenen Gebiet Weiden,‭ ‬das etwa‭ ‬150‭ ‬Kilometer von jeder Stadt entfernt lag.‭ ‬Für den Rückmarsch reichten ihre Vorräte nicht aus.‭ ‬Sie mussten entweder die Pferde finden oder in der Wildnis umkommen.

Da Albert jünger und gesünder war,‭ ‬machte er sich auf,‭ ‬um die Ausreißer zu suchen.‭ ‬Eineinhalb Tage lang folgte er in der Wüste den Spuren,‭ ‬die er finden konnte.‭ ‬Seine Kehle war ausgetrocknet,‭ ‬und seine Muskeln schmerzten‭ ‬von dem dauernden Gehen.‭ ‬Sein Blut klebte ihm die zerfetzten Mokassins an die Füße.‭ ‬Er war erschöpft.‭ ‬Er war mutlos.‭ ‬Und er entschloß sich,‭ ‬mit leeren Händen umzukehren.‭

Da stellte er sich vor,‭ ‬er hörte die Stimme seines Vaters.‭ ‬„Geh weiter,‭ ‬mein Sohn‭"‬,‭ ‬hörte er seinen Vater sagen.‭ ‬„Was ist ein Mann anderes als ein Junge,‭ ‬der‭ ‬Mannhaftes‭ ‬vollbrlngen kann‭? ‬Wenn du zurückkommst,‭ ‬ist es ein‭ ‬sicheres Versagen.‭ ‬Gehst du aber weiter,‭ ‬so tust du dein‭ ‬Bestes,‭ ‬und richtige Männer können nicht mehr tun.‭ ‬"Also jagte Albert weiter den Pferden nach,‭ ‬wobei ihm‭ ‬jeder Schritt einen stechenden Schmerz‭ ‬ zufügte.‭ ‬Und in‭ ‬jener Nacht fand er sie.

‭ ‬Als er zum Lager‭ ‬zurückkam,‭ ‬auf einem Pferd reitend und‭ ‬das andere am Halfter führend,‭ ‬stand sein Vater auf einem‭ ‬Felsen am Wegrand und hielt nach ihm Ausschau.‭ ‬Während Albert näherkam,‭ ‬rutschte sein Vater vom Felsen herunter.‭ ‬Er blickte auf Alberts blutverkrustete Füße und sah‭ ‬ihm gespannt ins verkniffene Gesicht,‭ ‬während der Junge‭ ‬von seiner zweitägigen Suche berichtete.‭

Daraufhin half der ältere Mann Albert vom Pferd und trug‭ ‬ihn zu einem Felsvorsprung,‭ ‬da er wußte,‭ ‬wie sehr es‭ ‬Albert schmerzen würde,‭ ‬wenn seine Füße den Boden berührten.‭ ‬Albert vergaß nie,‭ ‬was sein Vater sagte:‭ „‬Wie du‭ ‬diese Pferde zurückgebracht hast,‭ ‬ist mir mehr wert als all‭ ‬das Vieh,‭ ‬das ich über Clay Hill getrieben habe.

‭ ‬“Albert Fl.‭ ‬Lyman war mein Großvater.‭ ‬Ich weiß,‭ ‬was sein‭ ‬Vater ihm an jenem Tage gesagt hatte,‭ ‬weil Opa es in‭ ‬sein Tagebuch geschrieben hat.‭ ‬Er fing an,‭ ‬ein Tagebuch‭ ‬zu führen,‭ ‬als er‭ ‬13‭ ‬Jahre alt war.‭ ‬Seine letzte Eintragung‭ ‬war erst ein paar Tage,‭ ‬bevor er im Alter von‭ ‬93‭ ‬Jahren‭ ‬starb.‭

Als Großvater noch lebte,‭ ‬waren seine Besuche immer‭ ‬ein Fest,‭ ‬bei‭ ‬dem Geschichten erzählt,‭ ‬gesungen,‭ ‬gebetet‭ ‬und Zeugnis abgelegt wurde.‭ ‬Er kam dann von Blanding‭ ‬nach Salt Lake City herein,‭ ‬und bald konnten all seine‭ ‬begeisterten Enkel das Zwinkern seiner Augen sehen.‭ ‬Er‭ ‬erzählte uns von‭ ‬Indianerhelden und rücksichtslosen Banditen,‭ ‬von den Pionieren,‭ ‬die um Hilfe beteten,‭ ‬damit sie‭ ‬ein Mädchen finden könnten,‭ ‬das sich in San Juan verirrt‭ ‬hatte,‭ ‬von seiner Liebe zu seinen Eltern und von seiner‭ ‬Liebe zum Herrn und seinem Evangelium.

‭ ‬Doch nachdem er gestorben war,‭ ‬belehrten uns seine Tagebücher noch eingehender über den Charakter dieses‭ ‬wunderbaren Menschen.‭ ‬Ich habe gehört,‭ ‬wie seine eigenen‭ ‬Kinder,‭ ‬nachdem sie in seinen Tagebüchern gelesen‭ ‬hatten,‭ ‬gesagt haben,‭ ‬daß sie nicht gewußt hätten,‭ ‬daß‭ ‬er so zu leiden hatte,‭ ‬so viele bewegende Erlebnisse hatte‭ ‬oder ein solch großartiger Mann war.‭ ‬Durch seine Tagebücher hat er mir Evangeliumsprinzipien erläutert.‭ ‬Er hat‭ ‬seine große Liebe zu seinem Vater so schön zum Ausdruck gebracht,‭ ‬daß ich‭ ‬jetzt selbst meinen Urgroßvater‭ ‬liebe,‭ ‬dem ich doch nie begegnet bin.‭

Und er schrieb immer von Herzen.‭ ‬Er war ein robuster‭ ‬Mann‭ ‬-‭ ‬Katastrophen waren für ihn nur Hindernisse.‭ ‬Er schrieb:‭ „‬Wir sollten lieber darüber trauern,‭ ‬daß wir‭ ‬leiden und nicht daraus lernen,‭ ‬als daß wir darüber‭ ‬trauern,‭ ‬daß wir leiden.‭ ‬Das Leid,‭ ‬die Armut,‭ ‬die Enttäuschung‭ ‬und die Plackerei haben ein Ende,‭ ‬aber ihre Auswirkungen‭ ‬zum Guten oder zum Schlechten bleiben.‭

"Dieser Glaube wurde auf die schwerste Probe gestellt,‭ ‬als sein‭ ‬8jähriger‭ ‬Sohn an den Folgen eines Unfalls starb.‭ ‬Seinen eigenen Aufzeichnungen zufolge hatte Großvater‭ ‬auf vielen Beerdigungen Zeugnis von der Unsterblichkeit‭ ‬der Seele abgelegt und durch dieses Zeugnis Trost gespendet.‭ ‬Aber Großvater wußte,‭ ‬daß einige der Meinung‭ ‬waren,‭ ‬daß er anders darüber denken würde,‭ ‬wenn er je-man den durch den Tod verlöre.‭ ‬Wegen des Zweifels dieser‭ ‬Leute‭ ‬-‭ ‬so schreibt er‭ ‬-‭ „‬hatte ich mir versprochen,‭ ‬daß ich,‭ ‬wenn ich zu trauern Anlaß hätte,‭ ‬immer noch‭ ‬(öffentlich‭) ‬dieses Zeugnis ablegen würde.‭ ‬Dann würden‭ ‬sie sehen,‭ ‬daß es die Wahrheit sei,‭ ‬was ich ihnen schon‭ ‬immer bezeugt hatte.‭

"Doch als sein Sohn starb,‭ ‬schrieb er,‭ ‬seiner Erkenntnis vom Evangelium ungeachtet:‭ „‬Meine Seele trauerte.‭ ‬Ich‭ ‬konnte vor Kummer kaum sprechen.‭ ‬Ich wollte nur noch‭ ‬weinen.‭ ‬“

Auf der Beerdigung kämpfte er sich durch den schwierigen‭ ‬Anfang seiner‭ ‬schmerzlichen‭ ‬Rede hindurch.‭ ‬Er schrieb‭ ‬weiter:‭ „‬Da kam eine feste Zuversicht über mich,‭ ‬und ich‭ ‬verkündete,‭ ‬daß die Geisterwelt,‭ ‬die sichere Unsterblichkeit des Menschen und die unfehlbaren Absichten des‭ ‬Herrn in alle den Angelegenheiten seiner Kinder‭ ‬eine‭ ‬Realität seien.‭ ‬Die entschiedene Festigkeit,‭ ‬mit der ich sprechen konnte,‭ ‬hob mich zeitweilig vom Kummer zur Freude‭ ‬empor.‭"‬

Seine entschiedene Festigkeit,‭ ‬seine Liebe zu seiner Familie und seine Ergebenheit dem Erlöser gegenüber,‭ ‬alle diese Eigenschaften kommen in seinem Tagebuch‭ ‬zum Ausdruck‭ ‬-‭ ‬haben auch uns oft aus dem Kummer‭ ‬zur Freude und aus der Furcht zum Glauben emporgehoben.‭ ‬Lange nach seinem Tode hat seine Hand uns auf‭ ‬Pfaden geführt,‭ ‬die er vor Jahren gefunden hatte,‭ ‬Pfade,‭ ‬die er nicht nur gefunden,‭ ‬sondern bis zu ihrem frohen‭ ‬Ende beschritten hatte.

‭ ‬Vor seinem Tod erzählte er uns,‭ ‬daß ihm sein Dahinscheiden in die nächste Welt Freude brächte,‭ ‬weil er wußte,‭ ‬daß sein Vater darauf warten würde,‭ ‬ihn willkommen zu‭ ‬heißen,‭ ‬ihn zu umarmen und in ihrer gemeinsamen Liebe‭ ‬zum Evangelium vor Freude zu weinen.

‭ ‬Und dann sagte Großvater:‭ „‬Und ich werde dasein,‭ ‬um‭ ‬euch willkommen zu heißen und darauf zu achten,‭ ‬daß‭ ‬wir die gleiche frohe Wiedervereinigung feiern können,‭ ‬wenn ihr‭ ‬diese Welt‭ ‬verlaßt.‭"

Und wenn ich dann einmal,‭ ‬wenn ich ihm dort begegne,‭ ‬würdig sein sollte,‭ ‬in das Reich unseres Vaters im Himmel einzugehen,‭ ‬so ist es zum Teil wegen Großvaters‭ ‬Führung,‭ ‬die er in Tinte auf Papier zurückgelassen hat.‭ ‬Sie ist ein reiches Vermächtnis,‭ ‬das wir sogar mit uns‭ ‬nehmen können,‭ ‬wenn es auch für uns Zeit ist,‭ ‬von dieser‭ ‬Welt zu scheiden. Stern Mai 1977

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