Großvaters Geschenk seiner selbst
BRUCE LYMAN BlSHOP
Albert Lyman und sein Vater wachten auf und stellten fest, daß ihre Pferde in der Nacht weggelaufen waren. Sie ließen gerade ihr Vieh in einem abgelegenen Gebiet Weiden, das etwa 150 Kilometer von jeder Stadt entfernt lag. Für den Rückmarsch reichten ihre Vorräte nicht aus. Sie mussten entweder die Pferde finden oder in der Wildnis umkommen.
Da Albert jünger und gesünder war, machte er sich auf, um die Ausreißer zu suchen. Eineinhalb Tage lang folgte er in der Wüste den Spuren, die er finden konnte. Seine Kehle war ausgetrocknet, und seine Muskeln schmerzten von dem dauernden Gehen. Sein Blut klebte ihm die zerfetzten Mokassins an die Füße. Er war erschöpft. Er war mutlos. Und er entschloß sich, mit leeren Händen umzukehren.
Da stellte er sich vor, er hörte die Stimme seines Vaters. „Geh weiter, mein Sohn", hörte er seinen Vater sagen. „Was ist ein Mann anderes als ein Junge, der Mannhaftes vollbrlngen kann? Wenn du zurückkommst, ist es ein sicheres Versagen. Gehst du aber weiter, so tust du dein Bestes, und richtige Männer können nicht mehr tun. "Also jagte Albert weiter den Pferden nach, wobei ihm jeder Schritt einen stechenden Schmerz zufügte. Und in jener Nacht fand er sie.
Als er zum Lager zurückkam, auf einem Pferd reitend und das andere am Halfter führend, stand sein Vater auf einem Felsen am Wegrand und hielt nach ihm Ausschau. Während Albert näherkam, rutschte sein Vater vom Felsen herunter. Er blickte auf Alberts blutverkrustete Füße und sah ihm gespannt ins verkniffene Gesicht, während der Junge von seiner zweitägigen Suche berichtete.
Daraufhin half der ältere Mann Albert vom Pferd und trug ihn zu einem Felsvorsprung, da er wußte, wie sehr es Albert schmerzen würde, wenn seine Füße den Boden berührten. Albert vergaß nie, was sein Vater sagte: „Wie du diese Pferde zurückgebracht hast, ist mir mehr wert als all das Vieh, das ich über Clay Hill getrieben habe.
“Albert Fl. Lyman war mein Großvater. Ich weiß, was sein Vater ihm an jenem Tage gesagt hatte, weil Opa es in sein Tagebuch geschrieben hat. Er fing an, ein Tagebuch zu führen, als er 13 Jahre alt war. Seine letzte Eintragung war erst ein paar Tage, bevor er im Alter von 93 Jahren starb.
Als Großvater noch lebte, waren seine Besuche immer ein Fest, bei dem Geschichten erzählt, gesungen, gebetet und Zeugnis abgelegt wurde. Er kam dann von Blanding nach Salt Lake City herein, und bald konnten all seine begeisterten Enkel das Zwinkern seiner Augen sehen. Er erzählte uns von Indianerhelden und rücksichtslosen Banditen, von den Pionieren, die um Hilfe beteten, damit sie ein Mädchen finden könnten, das sich in San Juan verirrt hatte, von seiner Liebe zu seinen Eltern und von seiner Liebe zum Herrn und seinem Evangelium.
Doch nachdem er gestorben war, belehrten uns seine Tagebücher noch eingehender über den Charakter dieses wunderbaren Menschen. Ich habe gehört, wie seine eigenen Kinder, nachdem sie in seinen Tagebüchern gelesen hatten, gesagt haben, daß sie nicht gewußt hätten, daß er so zu leiden hatte, so viele bewegende Erlebnisse hatte oder ein solch großartiger Mann war. Durch seine Tagebücher hat er mir Evangeliumsprinzipien erläutert. Er hat seine große Liebe zu seinem Vater so schön zum Ausdruck gebracht, daß ich jetzt selbst meinen Urgroßvater liebe, dem ich doch nie begegnet bin.
Und er schrieb immer von Herzen. Er war ein robuster Mann - Katastrophen waren für ihn nur Hindernisse. Er schrieb: „Wir sollten lieber darüber trauern, daß wir leiden und nicht daraus lernen, als daß wir darüber trauern, daß wir leiden. Das Leid, die Armut, die Enttäuschung und die Plackerei haben ein Ende, aber ihre Auswirkungen zum Guten oder zum Schlechten bleiben.
"Dieser Glaube wurde auf die schwerste Probe gestellt, als sein 8jähriger Sohn an den Folgen eines Unfalls starb. Seinen eigenen Aufzeichnungen zufolge hatte Großvater auf vielen Beerdigungen Zeugnis von der Unsterblichkeit der Seele abgelegt und durch dieses Zeugnis Trost gespendet. Aber Großvater wußte, daß einige der Meinung waren, daß er anders darüber denken würde, wenn er je-man den durch den Tod verlöre. Wegen des Zweifels dieser Leute - so schreibt er - „hatte ich mir versprochen, daß ich, wenn ich zu trauern Anlaß hätte, immer noch (öffentlich) dieses Zeugnis ablegen würde. Dann würden sie sehen, daß es die Wahrheit sei, was ich ihnen schon immer bezeugt hatte.
"Doch als sein Sohn starb, schrieb er, seiner Erkenntnis vom Evangelium ungeachtet: „Meine Seele trauerte. Ich konnte vor Kummer kaum sprechen. Ich wollte nur noch weinen. “
Auf der Beerdigung kämpfte er sich durch den schwierigen Anfang seiner schmerzlichen Rede hindurch. Er schrieb weiter: „Da kam eine feste Zuversicht über mich, und ich verkündete, daß die Geisterwelt, die sichere Unsterblichkeit des Menschen und die unfehlbaren Absichten des Herrn in alle den Angelegenheiten seiner Kinder eine Realität seien. Die entschiedene Festigkeit, mit der ich sprechen konnte, hob mich zeitweilig vom Kummer zur Freude empor."
Seine entschiedene Festigkeit, seine Liebe zu seiner Familie und seine Ergebenheit dem Erlöser gegenüber, alle diese Eigenschaften kommen in seinem Tagebuch zum Ausdruck - haben auch uns oft aus dem Kummer zur Freude und aus der Furcht zum Glauben emporgehoben. Lange nach seinem Tode hat seine Hand uns auf Pfaden geführt, die er vor Jahren gefunden hatte, Pfade, die er nicht nur gefunden, sondern bis zu ihrem frohen Ende beschritten hatte.
Vor seinem Tod erzählte er uns, daß ihm sein Dahinscheiden in die nächste Welt Freude brächte, weil er wußte, daß sein Vater darauf warten würde, ihn willkommen zu heißen, ihn zu umarmen und in ihrer gemeinsamen Liebe zum Evangelium vor Freude zu weinen.
Und dann sagte Großvater: „Und ich werde dasein, um euch willkommen zu heißen und darauf zu achten, daß wir die gleiche frohe Wiedervereinigung feiern können, wenn ihr diese Welt verlaßt."
Und wenn ich dann einmal, wenn ich ihm dort begegne, würdig sein sollte, in das Reich unseres Vaters im Himmel einzugehen, so ist es zum Teil wegen Großvaters Führung, die er in Tinte auf Papier zurückgelassen hat. Sie ist ein reiches Vermächtnis, das wir sogar mit uns nehmen können, wenn es auch für uns Zeit ist, von dieser Welt zu scheiden. Stern Mai 1977
/image%2F0264548%2F201211%2Fob_9a1614f2cf1a0e0348571565d9edbddf_alterprophet.jpg)