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Das Vorherwissen Gottes

26. Dezember 2012 , Geschrieben von Visionär

Von James E. Talmage, ehem. Mitglied des Rates der Zwölf

Die Gabe der Prophezeiung ist eine der besonderen Gaben des Geistes und eine der erlesensten Segnungen der Kirche Christi. Wenn es Prophezeiungen gibt, muß es auch Propheten geben, Männer, durch die Gott Seinen Willen der Menschheit verkündigt. Das Voraussagen noch weit in der Zukunft liegender Ereignisse ist eine prophetische Sache, obwohl sie nur einen Teil der Gabe der Prophezeiung darstellt.

Göttliche Offenbarung des Zukünftigen ist ein Beweis von Vorherwissen. Gott weiß also und hat es immer gewußt, was sich bis zum Ende der Welt ereignen wird. Daß Adam übertreten werde, war Ihm bekannt, noch ehe der Mensch Fleisch und Blut angenommen hatte, denn mit Rücksicht auf die den Fall begleitenden Folgen war für die Menschheit ein Erlöser bestimmt worden, ein „Lamm, das zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward"(1. Petri 1:19). Erdenleben, Tätigkeit und Opfertod des Heilandes waren vorhergesehen worden, und heilige Propheten hatten viele hundert Jahre vorher davon gesprochen.

Der Abfall von der ursprünglichen Kirche, die jahrhundertelange geistige Finsternis, die Wiederherstellung des Evangeliums in diesen letzten Tagen in einem Land, das als Lebensraum eines freiheitsliebenden Volkes besonders dazu vorbereitet worden war, das alles war Gott im voraus bekannt und wurde von Ihm durch Propheten geoffenbart, die bevollmächtigt waren, in Seinem Namen zu sprechen.

Wer will aber behaupten, dieses Vorherwissen sei eine bestimmende Macht im Leben der Menschen? Gott wußte, daß Adam fallen werde, aber darin die Ursache des Falles zu sehen, wäre töricht. Adam war vollkommen frei, zu handeln, wie es ihn gut dünkte. Gott zwang ihn nicht, das göttliche Gebot zu übertreten. Das Vorherwissen Gottes nötigte auch nicht den falschen Judas, seinen Herrn zu verraten, so wenig wie es die Juden nötigte, ihren Messias zu kreuzigen.

Sicherlich macht das Allwissen Gottes die Menschen weder zu Automaten, noch rechtfertigt es den Aberglaubender Vorbestimmungslehre. Der Hauptzweck des Erdenlebens würde vereitelt, wenn der Wille des Menschen nicht frei und der Mensch nur ein Erzeugnis seiner Verhältnisse wäre.

Ein irdischer Vater, der die Schwachheiten und Fehler seines Sohnes kennt, vermag auf Grund dieser Kenntnis sehr wohl das Schicksal und die Leiden voraussagen, die seines irregegangenen Sprößlings warten. Er kann in der Zukunft seines Sohnes lesen, kann sehen, wie er sich Segnungen verscherzen, Stellung, Selbstachtung, guten Ruf, Ehre und Charakter verlieren wird. Selbst die dunklen Schatten der Verbrecherzelle und die Nacht des Säuferwahnsinns können vor dem prophetischen Blick der väterlichen Seele auftauchen. Jedoch auf Grund trauriger Erfahrung überzeugt, daß der Sohn auf dem sündigen Pfade verharren wird, sieht er die fürchterlichen Folgen eintreten, und es zerreißt ihm das Herz, weil er es im voraus weiß.

Könnte nun mit Wahrheit gesagt werden, das Vorherwissen des Vaters trage zum schlechten Lebenswandel seines Sohnes bei? Wer so etwas behaupten wollte, müßte andererseits auch behaupten, ein nachlässiger Vater, der sich nicht die Mühe gibt, den Charakter seines Sohnes zu ergründen, der seine Augen vor dessen Übeltaten verschließt, würde gerade durch seine Unbekümmertheit dem Sohne nützen, denn der Mangel an Vorherwissen vermindere die schlechten Neigungen bei ihm.

Um ein weiteres Beispiel anzuführen: Betrachten Sie den Mann, der sich mit der Erforschung des Wetters und des Klimas abgibt, der nach Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und anderen wichtigen Anhaltspunkten das mutmaßliche Wetter vorherzusagen imstande ist. Auf Grund seiner langjährigen Erfahrung sagt er zum Beispiel einen Sturm voraus. Der Sturm kommt und richtet entweder Schaden oder Nutzen an, aber wer wollte denjenigen, der sein Herannahen vorhersagte, für den Sturm verantwortlichmachen?

Man könnte aber gegen diese Beispiele einwenden, daß weder der irdische Vater noch der Wetterkundige die Macht besitze, am Lauf der Dinge etwas zu ändern, Gott dagegen könne nach Belieben schalten und walten. Demgegenüber dürfen wir nie vergessen: Gott hat Seinen Kindern den freien Willen zugesichert und beherrscht sie in dessen Ausübung nicht durch Zwang. Er zwingt niemanden zu sündigen; er zwingt niemanden, rechtschaffen zu handeln.

Der Vater unserer Geister hat eine volle Kenntnis vom Wesen und von den Neigungen Seiner Kinder, eine Kenntnis, die er durch Beobachtung und Erfahrung in den langen Zeitaltern unserer geistigen Kindheit und Jugend gewonnen hat, als wir als unverkörperte Geister, als persönliche Wesen mit einem freien Willen lebten. Verglichen mit dieser Kenntnis unseres Himmlischen Vaters ist die eines irdischen Vaters, gewonnen durch Erfahrung mit seinen irdischen Kindern, unendlich klein. Dank dieser alles übertreffenden Kenntnis weiß Gott um die Zukunft Seiner Kinder und Kindeskinder, sowohl einzelner Menschen wie ganzer Völker. Er weiß, was jeder unter gegebenen Umständen tun wird, und sieht das Ende von Anfang an voraus. Sem Vorherwissen gründet sich auf Intelligenz und Vernunft. Er sieht den künftigen Zustand von Menschen und Völkern als einen Zustand voraus, der sich ganz natürlich ergeben wird, nicht als ein Zustand, der so werden muß, weil Er es so will.

„Gott sind alle Seine Werke bewußt von Anbeginn der Welt her." (Apostelgeschichte 15:18.)

Er wollte und verordnete den irdischen Stand Seiner geistigen Sprößlinge und bereitete die Erde zu, damit sie ihnen als Wohnplatz für die irdische Schule diene. Er sorgte für alles, was zu ihrer Schulung und Ausbildung nötig ist, und Er verkündigte Seine Absichten wie folgt:

„Denn dies ist mein Werk und meine Herrlichkeit — die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zu vollbringen." (Köstliche Perle, Moses1:39.)

„Der Stern“ August 1964

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