Wıe heilt man ein schlechtes Gewissen?
VON RJCHARD L. EVANS
„Dle Stimme des Gewissens", sagt Madame deStael, „ist so fein, daß man sie leicht ersticken kann; und dennoch ist sie so deutlich, daß man sie nicht mißverstehen kann." Und Francis Bowen sagt: „Das Gewissen ist eine göttliche Stimme in der menschlichen Seele...2" ln gewissem Sinn ist es eine innere Stimme; und doch ist es gleichzeitig auch etwas, das von außen wirkt. George Crabbe nennt das Gewissen den „treusten Freund des Menschen3" - einen Freund, der „uns freundschaftlich warnt, bevor er uns richtet". Manche glauben, sie könnten das Gewissen aus-schalten, indem sie es nicht beachten, indem sie es abstumpfen, indem sie handeln, als ob es nicht vorhanden sei. Doch wer ständig gegen sein Gewissen handelt, verliert die feineren Empfindungen: das Gefühl dafür, ob er vor sich selbst, vor Gott und auch vor anderen bestehen kann; und er bringt sich selbst um den Frieden, den er hätte haben können. Wer so lebt, als habe er kein Gewissen, zahlt in irgendeiner Weise dafür. Das Gewissen ist wie ein Nervensystem. Wenn wir es abtöten, sagt es uns nicht die Wahrheit: und wenn wir die Wahrheit nicht wissen, sind wir in arger Bedrängnis. Es gibt einiges, was man einfach nicht tun kann, ohne hinterher ein anderer zu sein. Jedes bewußte und absichtliche Zuwiderhandeln gegen das Gewissen verändert irgendwie das lnnere des Menschen. Das Gesetz der Vergeltung gilt für das Gewissen ebenso wie in allen anderen Bereichen. Und trotz allen Geredes über sich wandelnde Grundsätze, über Gebote, über Moral und Unmoral kann der Mensch der lhrn von Gott gegebenen inneren Stimme nicht zuwlderhandeln und die Eingebungen aus göttlicher Quelle nicht außer achtlassen. Tut er es dennoch, so muß er die Folgen dafür tragen, daß er wider besseres Wissen handelt. Wir können uns nicht über unser Gewissen hinwegsetzen, ohne dadurch zu verrohen. Und es wäre besser, wir hörten auf das Gewissen als unseren Freund, bevor es zum Peiniger wird. Der einzige Weg, ein schlechtes Gewissen zu heilen, besteht darin: Wir müssen aufhören, das zu tun, was wir nicht sollen, und statt dessen das tun, was wir sollen.
1 Madame de Stael (1765-181?}, französische Schriftstellerin2 Francis Bcwsn (1811-1890). amerikanischer Philosoph3 George Crabbe, Erzählungen; Nr. XIV, The Struggles ofConscience4 Stanislaus Leszinskl (1G??-JTGB). polnischer König O21U..
Stern Jänner 1970
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