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Das Tagebuch meines Feindes

20. Dezember 2012 , Geschrieben von Visionär

Das Tagebuch meines Feindes

Stephen G. Biddulph

So eigenartig es auch klingen mag - ausgerechnet während des Vietnamkrieges habe ich das Geheimnis für ein friedliches, glückliches Leben entdeckt. Seit zwei Monaten war ich ständig in Kämpfe verwickelt gewesen, was sich natürlich auf meine körperliche und geistige Widerstandskraft auswirkte. An der Front bekamen wir nur selten Briefe von zu Hause, und es gab auch keine Abendmahlsversammlungen oder andere Versammlungen am Sonntag, in denen ich geistige Kraft hätte tanken können. Meine einzige Kraftquelle war das Beten, und ich fühlte mich einsam und allein.

So nach und nach nahmen mir die ständigen Kämpfe und der Tod vor Augen die Kraft und verhärteten mir das Herz. Ich war fast schon wie die nephitischen Soldaten geworden, die nach dem Blut ihrer Feinde dürsteten. (Siehe Mormon 3:9.)

Am 9. Juli 1972, nach einem langen Tagesmarsch, lagerte mein Bataillon in einem kleinen verlassenen Dorf, das erst vor kurzem angegriffen worden war. Im letzten Licht der untergehenden Sonne sahen wir noch Rauch aus den Hütten aufsteigen. In einem nahegelegenen Feld fanden wir die Leiche eines jungen nordvietnamesischen Soldaten. Als wir seine Uniform durchsuchten, um vielleicht Hinweise auf den Feind zu finden, hatte ich für ihn nur einen kalten Blick übrig, denn er war ja mein Feind.

Der gefallene Soldat hatte Papiere bei sich, die wir dem kommandieren-den Offizier übergaben. Als ich späterhörte, daß diese Papiere keine Informationen über den Feind enthielten, sondern es sich vielmehr um Tagebuchseiten handelte, war mein Interesse geweckt. Ich fand es sehr erstaunlich, daß der feindliche Soldat sich die Zeit genommen hatte, Tagebuch zu fuhren, und ich fragte mich, was er wohl als letztes dort hineingeschrieben haben mochte.

Am Abend erhielt ich eine grobe Übersetzung, die ich im flackernden Licht meines Kochfeuers las. „Ich weiß nicht, wo wir uns befinden", stand da. „Unsere Offiziere sagen, daß wir tapfer gegen die amerikanischen Imperialisten kämpfen, die in unsere Heimat eingefallen sind. Wir kämpfen tapfer, aber wir werden schlecht versorgt. Ich bin einsam. Mir fehlt meine Familie, die so weit weg ist, und ich frage mich, wie es den anderen wohl gehen mag. Ich vermisse mein Zuhause. Ich wäre so gerne wieder in den Bergen und würde so gerne wieder dort im Wald Spazierengehen. Ich möchte die Blumen, die Vögel und die Tiere zu Hause wiedersehen." Ich starrte fassungslos auf das Blatt. Das konnte doch kein Feind geschrieben haben! So etwas konnte nur jemand schreiben, dem es genauso erging wie mir! Sein Volk und mein Volk standen sich als Feinde gegenüber, und die Kluft, die uns voneinander trennte, weil wir eine andere Kultur hatten, einem anderen Volk angehörten und eine andere Politik betrieben, war scheinbar unüberwindbar. Aber geistig gesehen waren wir keine Feinde, und wenn die Umstände anders gewesen wären, hätten wir Brüder sein können. Plötzlich wurde mir klar, daß der wirkliche Krieg nicht in Vietnam tobte und daß meine Kameraden und ich nicht die wirklichen Streiter waren. Der wirkliche Krieg war durch Luzifer entstanden, beim Kampf im Himmel. Unsere wirklichen Feinde hier auf der Erde waren weder die Nordvietnamesen noch irgendwelche anderen Völker, sondern die unsichtbaren Kräfte des Bösen, die gegen alle Menschen Krieg führen, um sie in Unwissenheit und geistige Knechtschaft zu führen und dort zu halten. Die wirklichen Streiter kämpfen unter dem Banner Jesu Christi. Sie töten niemanden und zerstören keine Dörfer, sondern heilen vielmehr und bieten den Menschen das Leben an, nämlich das ewige Leben, das uns JesusChristus ermöglicht hat und das uns durch sein wiederhergestelltes Evangelium zuteil werden kann. Als ich damals in Vietnam am Feuer saß, wurde mir bewußt, daß Glück und Frieden darauf zurück-zuführen sind, daß wir den Wert der menschlichen Seele kennen, und dieser Wert hat nichts mit der Volkszugehörigkeit, dem Glauben oder den politischen Ansichten zu tun. Er gründet sich vielmehr auf die Erkenntnis, daß alle Menschen Kinder des himmlischen Vaters sind. Wenn uns das bewußt ist, können wir alle Menschen lieben — auch diejenigen, die unsere Feinde zu sein scheinen.

DER STERN September 1994

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