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Ein Botengang zu Weihnachten

30. November 2012 , Geschrieben von Visionär

Ein Botengang zu Weihnachten

Lila M. Selover

Schon seit Jahren hatte ich zu Weihnachten Kleidungspakete an Familien geschickt, von deren Nöten ich in einer New Yorker Zeitung gelesen hatte. Ich hatte auch immer etwas Literatur über geistige Themen dazugelegt.

Einmal sah mir mein Mann Willi bei den Vorbereitungen zu. „Du gibst eine Menge Geld für Porto aus“, stellte er fest. „Was hältst du davon, wenn ich die Pakete in die Stadt fahre? In unser großes Auto paßt eine Menge hinein.“

Ich fand den Gedanken sehr gut. Dann konnte ich nämlich auch schwere Winterkleidung verschicken, was sonst wegen des hohen Portos zu teuer war, und außerdem auch Lebensmittel. Fröhlich suchte ich soviel zusammen, wie ich konnte, und Willi holte sich den Stadtplan von Manhatten, der Bronx und Brooklyn. Er legte seine Route und die einzelnen Haltepunkte fest.

Am Tag vor Weihnachten beluden Will und unsere Söhne in der Frühe den Wagen. Er war voll bis unters Dach. Es war ein grauer und kalter Tag, aber Willi setzte sich nur eine Kappe auf. Obwohl er im Büro arbeitet und selten draußen ist, war er sicher, daß er nicht frieren würde.

Ich sah zu, wie er den Wagen rückwärts aus der Garageneinfahrt lenkte, und plötzlich kamen mir Zweifel. Was war, wenn er eine Panne hatte? Oder wenn er sich verfuhr? Er fuhr in die Stadtteile mit der höchsten Kriminalität – wenn er nun Bedroht und angegriffen wurde?

Ich ging ins Haus zurück. Es schneite leicht, und das erhöhte meine Besorgnis noch. Ich kniete mich nieder und betete; Ich wollte den Herrn bitten, für Willis Sicherheit zu sorgen. „Lieber himmlischer Vater“, begann ich, „Will erledigt was für mich - .“ Dann sagte ich nichts mehr. Ich hatte auf einmal den Eindruck, ich habe etwas Falsches gesagt. Mir kam der Gedanke in den Sinn: „Nein er erledigt etwas für den Herrn.“

Dieser Gedanke überraschte mich. Ich hatte mir zuviel eingebildet, als ich glaubte, daß Will nur für mich gegangen war und daß seine Sicherheit von meinen Gebeten abhinge. In diesem Augenblick wurde mir klar, daß er Gott diente, als er die Pakete ablieferte, und daß Gott ihn beschützen würde.

Ich stand auf und beschloß, mir um Will keine Sorgen mehr zu machen. Die Weihnachtsvorbereitungen gingen weiter.

Der Schnee der am Morgen noch leise gerieselt war, hatte sich gegen Mittag in einen Schneesturm verwandelt. Am Nachmittagwollte ich in ein Geschäft ganz in der Nähe gehen, aber Schneewehen versperrten mir den Weg. Wenn die Wege hier schon unpassierbar waren, wie mußte es dann erst in der Stadt aussehen?

Es wurde Zeit für das Abendessen. Immer noch hatte ich nichts von Will gehört. Er hatte gesagt, er würde mich anrufen. Es fiel mir immer schwerer, mir keine Sorgen zu machen. Als unsere Söhne am Abend vom Schneeschaufeln ins Haus kamen, fragte mich einer: „Ist Vati noch immer nicht zu Hause? Wo kann er bloß sein?“

„Mama“, sagte der andere, „er kann doch um diese Zeit keine Pakete mehr abliefern. Niemand würde ihn reinlassen. Ich will dich ja nicht beunruhigen, aber --,“

„Es wird schon alles in Ordnung sein“, beruhigte ich die Jungen, aber trotz meines Entschlusses wurde ich selber langsam unruhig. Ich versuchte mich abzulenken, indem ich Geschenke einpackte und bemühte mich, nicht auf die Küchenuhr zu achten, die schon fast elf Uhr anzeigte.

Da hörte ich einen meiner Jungen erleichtert rufen: „Mama, Vatis Auto fährt gerade in die Garageneinfahrt.“

Aufgeregt griff ich mir einen Mantel und rannt zu Will hinaus. Als er aus dem Auto stieg, stellte ich fest, daß er keineswegs durchfroren und erschöpft war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er sah aus, als habe er einen gemütlichen Nachmittagsspazierfahrt gemacht und sei nicht fünfzehn Stundenlang auf Schneeverstopften Straßen um verlassene Autos herumgefahren, um Pakete ungeräumte Eingangswege hinaufzutragen.

„Ich hatte absolut keine Schwierigkeiten“, versicherte er mir, „und ich habe alle Familien gefunden.“

An jenem Abend dankte ich dem Herrn, daß er meinen Mann beschützt hatte und daß ich mehr Einblick in die Wege des Herrn gewonnen hatte.

Der Stern Dezember 1984

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