Der Junge und das Spinnennetz
Nora Ann Richardson
Illustration von Dale kilbourn
Martha wischte an der beschlagenen Fensterscheibe und beobachtete Darcy, wie er über den Hof schlurfte und den Essensbehälter für die Schul schwenkte. Sie dachte bekümmert, ob er Wohl heute Morgen pünktlich ankommen würde. Bei flottem Gehen würde jeder in 20 Minuten am Schulhaus ankommen, und sie hatte ihm diesen Morgen eine Stunde Zeit gegeben.
Sie zog die Stirn kraus, als sie wieder begann, den hölzernen Butter-stößel in das alte irdene Faß zustoßen. Natürlich, Darcy war kaum sieben - und doch war es nicht zu früh daran zu denken, seinen Charakter zu formen. Er war ein lieber kleiner Kerl, aber es lag so eine Nachlässigkeit in ihm. Wenn man ihm eine Arbeit auftrug, dauerte es gar nicht lange, bis er mit etwas anderm beschäftigt war und seinen Auftrag völlig vergessen hatte.
Die junge Martha Reed nahm ihre eigenen Pflichten sehr ernst. Mehr noch als zuvor, seit vor vier Jahren das Telegramm mit der ernüchternden Nachricht gekommen war, daß sie es allein schaffen mußte. Die Nachbarn verbeugten sich anerkennend vor dieser feinen, hart arbeitenden kleinen Frau. Es gab nichts Sinnloses bei Martha. Sie war stolz auf diesen Ruf. Und sie fragte sich, was für einen Ruf Darcy eines Tages haben würde.
„Zu spät zur Schule, zu spät zur Schule, zu spät zur Schule" sang der Butterstößel.
In einem plötzlichen Impuls ergriff sie ihren großen Strohhut und rannte über den Hof; in ihrer Eile scheuchte sie die schwerfälligen roten Hühner auseinander. Jeden Tag in dieser Woche zu spät! Oh, es war wirklich eine Schande. Sie wollte sehen, daß er pünktlich zur Schule käme. wie sie es von ihm erwartet hatte.
Sie würde ihn einfach am Arm fassen und mit ihm losmarschieren und … …Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, als sie an diesem frühen feuchten Herbstmorgen so dahinschritt. Die Abkürzung zur Landstraße lief durch den Wald, und sie ging vorsichtig über den schmalen, mit Kiefernnadeln bedeckten Weg, leicht erstaunt über die zarten Düfte des Waldes, die sie in diesen letzten arbeitsreichen Monaten ganz vergessen hatte.
Sie sah ihn am Ufer des kleinen Flusses. Er hatte seinen Essensbehälter zur Seite gestellt und beobachtete völlig gefesselt etwas im Wasser. Erbitterung stieg in ihr auf, als sie sich aufmachte, ihn zu packen
ein Tritt verriet sie, und er wandte ihr sein rundes, stupsnasiges Gesicht zu. Sein rostfarbiger Haarschopf hing ihm wieder in die Augen. Er sah seinem \/ater merkwürdig ähnlich.
„Schau mal!" sagte Darcy.
Da bewegte sich etwas Gesträuch auf der andren Seite des Flusses; eine Bisamratte kam herausgeschwommen und äugte sie neugierig an.
„Holla, du“ rief Darcy „was gefangen heute Morgen?" Das Tier drehte sich um und schwamm gemächlich zu seinem Versteck am gegenüberliegenden Ufer zurück.
„lch sehe sie jeden Tag“, erklärte er, als ob dadurch die Sache erledigt wäre. „Manchmal werfe ich Kieselsteine, und sie und sie schwimmt herüber; das ist wie ein Spiel.“Der Blick auf seine Mutter verriet nicht gerade Billigung. „Sie fürchtet sich aber vor dir. Sie mag Erwachsene nicht.“
„Allerdings, nicht. Nun, ich denke, wir heben unser Essen auf, Darcy Fleed, und gehen zur Schule.“
Oh, die Schule! Das hat noch Zeit, Mama."
„lch will eben ein Stück mit dir gehen, kleiner Mann." Sie konnte die Strafpredigt nicht vorbringen, die sie sich vorgenommen hatte.
Er stapfte an ihrer Seite auf dem nach Kiefern duftenden Pfad daher. Es war schön im Wald. Martha war gezwungen, das zuzugeben, und merkte kaum, daß sie langsamer ging. Es war lange her, seit sie um des Wanderns willen gewandert war. Es gab immer so viel zu tun; die Küken im Brutraum, die drei Kühe, das Entrahmen der Milch, Kühlen und Auf-räumen und Buttern.
Plötzlich stellte sie fest, daß ihr Sohn nicht neben ihr ging.
„Darcyi Darcy Fieedl“
Sie drehte sich um und sah ihn ein Dutzend Schritte hinter sich. Er kauerte da und hatte den Kopf dicht über dem Weg. Sie ging auf ihn zu: „Was in aller Welt... ?"
Martha starrte auf den Boden. Ein paar glänzende schwarze Ameisen krochen auf verschwindend kleinen Straßen hin und her, begegneten einander, berührten sich und eilten weiter.
Darcy zog einen Zweig über ihren Weg und beobachtete, wie die Insek-ten in plötzlicher Panik umher hasteten.., Es ist ein Erdbeben", gab er bekannt.„ Lauft schnell, kleine Ameisen, es ist ein Erdbeben. Genauso wie China“, sagte er plötzlich zu Martha.
„Wie China?" Sie grübelte darüber nach, während er seinen Behälter öffnete, ein Stück von einer Brotschnitte für die Ameisen zerkrümelte und geistesabwesend schmatzend den Rest kaute.
Die Ameisen, diese drolligen, kleinen Dinger, schleppten Krumen -berggroß für sie, und hasteten unsinnig auf ihrem Wege; und das taten sie, ohne sich der phantastisch großen neugierigen Menschen, des Waldes und seiner tiefen, einschläfernden Stille bewußt zu sein.
Darcy stand zuerst auf, „lch habe dir noch etwas anderes zu zeigen, Mama." Er ging ihr voraus zu einer Stelle, die fast wie eine Lichtung war. Hier war im letzten Jahr eine Kiefer umgestürzt, und nun begann sie langsam zu vermodern. „Komm hier herüber, zu diesen Büschen, Mama.“ Sie hielt den Atem an, als sie das Spinnennetz sah, das im Sonnenlicht glänzte und mit vollkommener Genauigkeit gewebt war.
„Nun paß auf, Mama.“
Er warf ein zusammengerolltes Blatt hinein, sodaß es, im Windhauch zitternd, in dem silbrigen Gewebe hing.
Martha öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Eine braune Spinne kam wie eine Seiltänzerin näher. Sie hielt inne; dann schüttelte sie an dem Stückchen Grün, bis es sich langsam aus dem Netz löste und herabfiel..,
„ Sie mag Fliegen.“ Darcys Hand sauste nahe am Baumstamm durch die Luft; er führte die Hand nahe ans Netz und ließ das Insekt los. Wieder bebte das Flechtwerk, die Spinne stürzte heraus; aber jetzt blieb sie.
„Die Spinnen fressen Fliegen, und die Frösche fressen Spinnen, und die Schlangen fressen Frösche", erklärte er ernst, als ob er ihre Gedanken lesen könnte. „Das ist Naturgesetz, Mama.“
„Ja", sagte sie von ihrem Platz auf dem Baumstamm. So wird es wohl Sein." Alles war ein Teil des leisen und unsichtbaren Kampfes, der sichTag und Nacht im Wald abspielte. So war es in vergangenen Aonen gewesen und würde es in zukünftigen sein. Und obwohl sie sich diesen ganzen Aufruhr vorstellen konnte, fühlte sie einen unerklärlichen Frieden. Der andere Darcy kam ihr in den Sinn, und sie erinnerte sich an einen Sommertag vor Jahren, den sie mit ihm auf einem bewaldeten Hang verbrachte. lhr fiel ein, wie sein dunkles Haar wie zufällig über eins seiner grauen Augen fiel. Sie dachte an seine tiefe Stimme, als er mit dem Finger ein kleines Flechteck auf dem Weg zeichnete und gedankenvoll sagte: Wenn wir dieses einzige Stückchen Erde kennten, würden wir fast über das ganze Universum Bescheid wissen. Dann hörte man in der Ferne eine Glocke läuten, und sie fragte sich gei-stesabwesend, was das sein könnte.
Darcy stieß einen kleinen Schreiaus. „O Mama, die Schulglocke!“
'„Beeile dich", rief sie und schob ihm den Behälter mit dem Essen zu...Lauf, Darcy, lauf! Du wirst wieder zu spät kommen.
“Sie beobachtete die kleinen Staubwolken, als er die Landstraße er-reichte und um die Biegung rannte, wo er ihren Augen entschwand.
Sie ging langsam zurück und setzte sich auf den Baumstamm. Die Spinne war verschwunden, die Fliege war verschwunden, und das Netz war so, wie es gewesen war: silbrig vorTau.
Wenn wir dieses einzige Stückchen Erde kennten. „Lieber Gott“, dachte sie, „laß ihn so aufwachsen, daß er genauso wird."
Sie lächelte vor sich hin, als sie den zarten Duft spürte und es mit fortschreitendem Tag wärmer wurde. „Du bist eben Naturgesetz“, sagte sie zu der unsichtbaren Spinne; wie sie selbst, ein Bruchstück, rasch ergriffen vom Sturm des Lebens.
„Aber es gibt einen Unterschied“. dachte sie und kehrte nach Hause zurück. Zu ihrem Butterfaß, ihren Küken und ihren Kühen. Es gibt so viele kleine, unbemerkte Erfolge, die zusammengefügt ein Leben zu einem Triumph machen können. „Und vielleicht habe ich heute meinen eigenen kleinen Sieg errungen." Der Stern Juni 1971
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