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Der Junge und das Spinnennetz

7. Dezember 2012 , Geschrieben von Visionär

Der Junge und das Spinnennetz

Nora Ann Richardson

Illustration von Dale kilbourn

Martha wischte an der beschlagenen Fensterscheibe und beobachtete‭ ‬Darcy,‭ ‬wie er über den‭ ‬Hof‭ ‬schlurfte‭ ‬und den Essensbehälter für die Schul‭ ‬ schwenkte.‭ ‬Sie dachte‭ ‬bekümmert,‭ ‬ob er Wohl heute Morgen pünktlich‭ ‬ankommen würde.‭ ‬Bei flottem‭ ‬Gehen würde jeder‭ ‬in‭ ‬20‭ ‬Minuten am‭ ‬Schulhaus‭ ‬ankommen,‭ ‬und sie hatte‭ ‬ihm diesen Morgen‭ ‬eine Stunde‭ ‬Zeit‭ ‬gegeben.‭

Sie zog die Stirn kraus,‭ ‬als sie‭ ‬wieder begann,‭ ‬den hölzernen Butter-stößel in das alte irdene Faß zustoßen.‭ ‬Natürlich,‭ ‬Darcy war kaum‭ ‬sieben‭ ‬-‭ ‬und doch war es nicht zu‭ ‬früh daran zu denken,‭ ‬seinen‭ ‬Charakter zu formen.‭ ‬Er war ein lieber kleiner‭ ‬Kerl,‭ ‬aber es lag so eine Nachlässigkeit in ihm.‭ ‬Wenn man ihm eine Arbeit‭ ‬auftrug,‭ ‬dauerte es gar nicht lange,‭ ‬bis er mit etwas anderm beschäftigt‭ ‬war und seinen Auftrag völlig vergessen hatte.‭

Die junge Martha‭ ‬Reed nahm ihre‭ ‬eigenen Pflichten sehr ernst.‭ ‬Mehr‭ ‬noch als zuvor,‭ ‬seit vor vier Jahren‭ ‬das Telegramm mit der ernüchternden‭ ‬Nachricht gekommen war,‭ ‬daß sie es‭ ‬allein schaffen mußte.‭ ‬Die Nachbarn‭ ‬verbeugten sich anerkennend vor‭ ‬dieser feinen,‭ ‬hart arbeitenden kleinen Frau.‭ ‬Es gab nichts Sinnloses bei‭ ‬Martha.‭ ‬Sie war stolz auf diesen‭ ‬Ruf.‭ ‬Und sie fragte sich,‭ ‬was für einen Ruf‭ ‬Darcy eines Tages haben würde.

‭„‬Zu spät zur Schule,‭ ‬zu spät zur‭ ‬Schule,‭ ‬zu spät zur Schule‭" ‬sang der‭ ‬Butterstößel.‭

In einem plötzlichen‭ ‬Impuls‭ ‬ergriff‭ ‬sie ihren großen‭ ‬Strohhut und‭ ‬rannte‭ ‬über den Hof‭; ‬in ihrer Eile‭ ‬scheuchte sie die schwerfälligen roten‭ ‬Hühner‭ ‬auseinander.‭ ‬Jeden Tag in dieser Woche zu spät‭! ‬Oh,‭ ‬es war‭ ‬wirklich eine‭ ‬Schande.‭ ‬Sie wollte sehen,‭ ‬daß er‭ ‬pünktlich zur Schule käme.‭ ‬wie sie es‭ ‬von ihm erwartet hatte.‭

Sie würde ihn einfach am‭ ‬Arm fassen und mit ihm losmarschieren und‭ ‬… …Sie dachte den Gedanken nicht‭ ‬zu Ende,‭ ‬als sie an diesem‭ ‬frühen‭ ‬feuchten Herbstmorgen so dahinschritt.‭ ‬Die Abkürzung zur Landstraße‭ ‬lief durch den Wald,‭ ‬und sie ging‭ ‬vorsichtig über den schmalen,‭ ‬mit‭ ‬Kiefernnadeln bedeckten Weg,‭ ‬leicht‭ ‬erstaunt über die zarten Düfte des‭ ‬Waldes,‭ ‬die sie in diesen letzten arbeitsreichen Monaten ganz‭ ‬vergessen‭ ‬hatte.‭

Sie sah ihn am Ufer des‭ ‬kleinen‭ ‬Flusses.‭ ‬Er hatte seinen Essensbehälter‭ ‬zur Seite gestellt und beobachtete völlig gefesselt etwas im Wasser.‭ ‬Erbitterung stieg in ihr auf,‭ ‬als sie‭ ‬sich‭ ‬aufmachte,‭ ‬ihn zu packen‭

ein Tritt verriet sie,‭ ‬und er wandte‭ ‬ihr sein rundes,‭ ‬stupsnasiges Gesicht‭ ‬zu.‭ ‬Sein rostfarbiger Haarschopf‭ ‬ hing‭ ‬ihm wieder in die Augen.‭ ‬Er‭ ‬sah seinem‭ \‬/ater merkwürdig ähnlich.‭

„Schau mal‭!" ‬sagte Darcy.‭

Da bewegte sich etwas‭ ‬Gesträuch auf der andren Seite des Flusses‭; ‬eine Bisamratte kam herausgeschwommen und äugte sie neugierig an.‭

„Holla,‭ ‬du‭“ ‬rief Darcy‭ „‬was gefangen heute‭ ‬Morgen‭?"‬ Das Tier drehte sich um und‭ ‬schwamm gemächlich zu seinem Versteck am gegenüberliegenden Ufer‭ ‬zurück.

‭ „‬lch sehe sie jeden Tag‭“‬,‭ ‬erklärte‭ ‬er,‭ ‬als ob dadurch die Sache erledigt‭ ‬wäre.‭ „‬Manchmal werfe‭ ‬ich Kieselsteine,‭ ‬und sie‭ ‬und sie schwimmt‭ ‬herüber‭; ‬das ist wie ein Spiel.‭“‬Der Blick auf seine‭ ‬Mutter verriet nicht gerade Billigung.‭ ‬„Sie fürchtet‭ ‬sich aber vor dir.‭ ‬Sie‭ ‬mag Erwachsene nicht.‭“‬

„Allerdings,‭ ‬nicht.‭ ‬Nun,‭ ‬ich denke,‭ ‬wir heben unser Essen auf,‭ ‬Darcy‭ ‬Fleed,‭ ‬und gehen zur Schule.‭“‬

Oh,‭ ‬die Schule‭! ‬Das hat noch‭ ‬Zeit,‭ ‬Mama.‭"‬

„lch will eben ein Stück mit dir‭ ‬gehen,‭ ‬kleiner Mann.‭" ‬Sie konnte die‭ ‬Strafpredigt nicht vorbringen,‭ ‬die sie‭ ‬sich vorgenommen hatte.

‭ ‬Er stapfte an ihrer Seite auf dem‭ ‬nach Kiefern duftenden Pfad daher.‭ ‬Es war schön im Wald.‭ ‬Martha war‭ ‬gezwungen,‭ ‬das zuzugeben,‭ ‬und‭ ‬merkte kaum,‭ ‬daß sie langsamer ging.‭ ‬Es war lange her,‭ ‬seit sie um des‭ ‬Wanderns willen gewandert war.‭ ‬Es‭ ‬gab immer so viel zu tun‭; ‬die Küken‭ ‬im Brutraum,‭ ‬die drei Kühe,‭ ‬das Entrahmen der Milch,‭ ‬Kühlen und Auf-räumen und Buttern.

‭ ‬Plötzlich stellte sie fest,‭ ‬daß ihr‭ ‬Sohn nicht neben ihr ging.‭

„Darcyi Darcy Fieedl‭“

Sie drehte sich um und sah ihn ein‭ ‬Dutzend Schritte hinter sich.‭ ‬Er kauerte da und hatte den Kopf dicht über‭ ‬dem Weg.‭ ‬Sie ging auf ihn zu:‭ „‬Was‭ ‬in aller Welt...‭ ?"‬

Martha starrte auf den Boden.‭ ‬Ein‭ ‬paar glänzende schwarze Ameisen‭ ‬krochen auf verschwindend‭ ‬ kleinen‭ ‬Straßen hin und her,‭ ‬begegneten einander,‭ ‬berührten sich und eilten weiter.‭

Darcy zog einen Zweig über ihren‭ ‬Weg und beobachtete,‭ ‬wie die Insek-ten in plötzlicher Panik umher hasteten..,‭ ‬Es ist ein Erdbeben‭"‬,‭ ‬gab er bekannt.‭„‬ Lauft schnell,‭ ‬kleine Ameisen,‭ ‬es ist‭ ‬ein Erdbeben.‭ ‬Genauso wie China‭“‬,‭ ‬sagte er plötzlich zu Martha.‭

„Wie China‭?" ‬Sie grübelte darüber nach,‭ ‬während er seinen‭ ‬Behälter‭ ‬öffnete,‭ ‬ein Stück von einer Brotschnitte für die Ameisen zerkrümelte‭ ‬und geistesabwesend schmatzend‭ ‬den Rest kaute.‭

Die Ameisen,‭ ‬diese drolligen,‭ ‬kleinen Dinger,‭ ‬schleppten Krumen‭ ‬-berggroß für sie,‭ ‬und hasteten unsinnig auf ihrem Wege‭; ‬und das taten‭ ‬sie,‭ ‬ohne sich der phantastisch großen‭ ‬neugierigen Menschen,‭ ‬des Waldes‭ ‬und seiner tiefen,‭ ‬einschläfernden‭ ‬Stille bewußt zu sein.‭

Darcy stand zuerst auf,‭ „‬lch habe‭ ‬dir noch etwas anderes zu zeigen,‭ ‬Mama.‭" ‬Er ging ihr voraus zu einer‭ ‬Stelle,‭ ‬die fast‭ ‬wie eine Lichtung war.‭ ‬Hier war im letzten Jahr eine Kiefer‭ ‬umgestürzt,‭ ‬und nun begann sie‭ ‬langsam zu vermodern.‭ „‬Komm hier‭ ‬herüber,‭ ‬zu diesen Büschen,‭ ‬Mama.‭“‬ Sie hielt den Atem an,‭ ‬als sie das‭ ‬Spinnennetz sah,‭ ‬das im Sonnenlicht‭ ‬glänzte und mit vollkommener Genauigkeit gewebt war.

‭„‬Nun paß auf,‭ ‬Mama.‭“

Er warf ein‭ ‬zusammengerolltes Blatt hinein,‭ ‬sodaß es,‭ ‬im Windhauch zitternd,‭ ‬in dem‭ ‬silbrigen Gewebe hing.

‭ ‬Martha öffnete den Mund und‭ ‬schloß ihn wieder.‭ ‬Eine braune Spinne kam wie eine Seiltänzerin näher.‭ ‬Sie hielt inne‭; ‬dann schüttelte sie an‭ ‬dem Stückchen Grün,‭ ‬bis es sich langsam aus dem Netz löste und herabfiel..,

‭„ ‬Sie mag Fliegen.‭“ ‬Darcys Hand‭ ‬sauste nahe am Baumstamm durch‭ ‬die Luft‭; ‬er führte die Hand nahe ans‭ ‬Netz und ließ das Insekt los.‭ ‬Wieder‭ ‬bebte das Flechtwerk,‭ ‬die Spinne‭ ‬stürzte heraus‭; ‬aber‭ ‬jetzt blieb sie.‭

„Die Spinnen fressen Fliegen,‭ ‬und‭ ‬die Frösche fressen Spinnen,‭ ‬und die‭ ‬Schlangen fressen Frösche‭"‬,‭ ‬erklärte‭ ‬er ernst,‭ ‬als ob er ihre Gedanken‭ ‬lesen könnte.‭ „‬Das ist Naturgesetz,‭ ‬Mama.‭“‬

„Ja‭"‬,‭ ‬sagte sie von ihrem Platz auf‭ ‬dem Baumstamm.‭ ‬So wird es wohl‭ ‬Sein.‭" ‬Alles war ein Teil des leisen‭ ‬und unsichtbaren Kampfes,‭ ‬der sichTag und Nacht im Wald abspielte.‭ ‬So war es in vergangenen Aonen gewesen und würde es in zukünftigen sein.‭ ‬Und obwohl sie sich diesen ganzen‭ ‬Aufruhr vorstellen konnte,‭ ‬fühlte sie‭ ‬einen unerklärlichen Frieden.‭ ‬Der andere Darcy kam ihr in den Sinn,‭ ‬und‭ ‬sie erinnerte sich an einen Sommertag vor Jahren,‭ ‬den sie mit ihm auf‭ ‬einem bewaldeten Hang verbrachte.‭ ‬lhr fiel ein,‭ ‬wie sein dunkles Haar wie‭ ‬zufällig über eins seiner grauen‭ ‬Augen fiel.‭ ‬Sie dachte an seine tiefe‭ ‬Stimme,‭ ‬ als er mit dem Finger ein‭ ‬kleines Flechteck auf dem Weg zeichnete und gedankenvoll sagte:‭ ‬Wenn‭ ‬wir dieses einzige Stückchen Erde‭ ‬kennten,‭ ‬würden wir fast über das‭ ‬ganze Universum Bescheid wissen.‭ ‬Dann hörte man in der Ferne eine‭ ‬Glocke läuten,‭ ‬und sie fragte sich gei-stesabwesend,‭ ‬was das sein könnte.‭

Darcy stieß einen kleinen Schreiaus.‭ „‬O Mama,‭ ‬die Schulglocke‭!‬“

'„Beeile dich‭"‬,‭ ‬rief sie und schob‭ ‬ihm den Behälter mit dem Essen zu...Lauf,‭ ‬Darcy,‭ ‬lauf‭! ‬Du wirst wieder‭ ‬zu spät kommen.‭

“Sie beobachtete die kleinen Staubwolken,‭ ‬als er die Landstraße er-reichte und um die Biegung rannte,‭ ‬wo er ihren Augen entschwand.‭

Sie ging langsam zurück und‭ ‬setzte sich auf den Baumstamm.‭ ‬Die‭ ‬Spinne war verschwunden,‭ ‬die Fliege‭ ‬war verschwunden,‭ ‬und das Netz war‭ ‬so,‭ ‬wie es gewesen war:‭ ‬silbrig vorTau.‭

Wenn wir dieses einzige Stückchen Erde‭ ‬kennten.‭ ‬ „Lieber Gott‭“‬,‭ ‬dachte sie,‭ „‬laß ihn so aufwachsen,‭ ‬daß er genauso wird.‭"‬

Sie lächelte vor sich hin,‭ ‬als sie‭ ‬den zarten Duft spürte und es mit‭ ‬fortschreitendem Tag wärmer wurde.‭ ‬„Du bist eben Naturgesetz‭“‬,‭ ‬sagte‭ ‬sie zu der unsichtbaren Spinne‭; ‬wie‭ ‬sie selbst,‭ ‬ein Bruchstück,‭ ‬rasch ergriffen vom Sturm des Lebens.

‭ ‬„Aber es gibt einen Unterschied‭“‬.‭ ‬dachte sie und kehrte nach Hause‭ ‬zurück.‭ ‬Zu ihrem Butterfaß,‭ ‬ihren Küken und ihren Kühen.‭ ‬Es gibt‭ ‬so viele kleine,‭ ‬unbemerkte Erfolge,‭ ‬die zusammengefügt ein Leben zu‭ ‬einem Triumph machen können.‭ „‬Und‭ ‬vielleicht habe ich heute meinen eigenen kleinen Sieg errungen.‭" ‬ Der Stern Juni‭ ‬1971

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